Der rechte Schnitt zur richtigen Zeit

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Von Jochen Elbs-Glatz

Jeder Schnitt hat seinen Sinn. Der Haarschnitt bewahrt uns, ausser in einer einseitig kopfschüttelnden Jugendphase, davor, den Überblick zu verlieren. – Der Rückschnitt im Frühsommer fördert bei spät blühenden Stauden Blütenreichtum und Standfestigkeit. Der Formschnitt begrenzt Hecken und Topiaries in klaren Dimensionen, damit sie ihre Funktion im Garten lange erfüllen, ohne auszuufern. Kopfschnitt und das Auf-den-Stock-Setzen, englisch Pollarding und Coppicing, sorgen für genau gleich alten Austrieb. Das liefert gleichmässige Flechtruten bei Weiden, die leuchtendste Rindenfarbe bei bestimmten Cornus-Arten und beeindruckende Elefantenohren bei Paulownien. 

Schnittes Sinn
Der Obstbaumschnitt soll Obstbäume lange vital erhalten, damit sie reich blühen und regelmässig gesunde, ausgereifte, aromatische und auch haltbare Früchte tragen.

Kann man einen Obstbaum einfach sich selbst und der Natur ihren Lauf lassen? Nein, ein Obstbaum ist, sich selbst überlassen, so verloren wie ein Chihuahua im Wolfsrudel. Beide sind sie Ergebnisse menschlicher Züchtungsarbeit und deshalb gänzlich abhängig von der Pflege durch Menschen.

Bei Hochstamm-Baumpflanzaktionen wird das leider oft bewiesen. Mit grosser Geste und hehren Gedanken an Autochthonie, Ökologie und Volksverbundenheit werden da Gratisbäume gepflanzt, mit gewaltigen Pfahlburgen umgeben und noch gehörig eingewässert. Zum Jäten der Baumscheiben, und sei es auch nur ein Hacken, finden sich nur wenige ein. Ans Schneiden geht keiner, weil man dazu auf die Leiter steigen müsste, es in kühler, oft nebliger Jahreszeit stattfindet und – glücklich, der es erkennt – es auch eine gewisse Sachkenntnis erfordert. Wässern, wenn es heiss ist, und jedem Baum jedes Jahr eine Gabel Mist oder ein paar Handvoll Hornspäne geben, das ist viel verlangt. Dazuhin sollte noch der allermindeste Pflanzenschutz wie das Anbringen von Leimringen gegen Frostspanner und Ameisen und damit explodierende Läusekolonien auf ganz jungen Trieben gewährleistet werden. Auch stellt sich der Erfolg in Form einer Vollernte je nach Sorte erst nach 15 bis 20 Jahren ein. 

Verwahrlosung
Ein ganz unbeschnittener Apfelbaum bildet eine sehr dichte, licht- und luftarme Krone. Durch die schlechte Durchlüftung bleibt das Kroneninnere stets feucht. Äste und Zweige sind dicht mit Flechten und Moosen bewachsen. Pilzkrankheiten auf Holz und Blättern werden gefördert. Blüten bilden sich, wie bei einer Schnitthecke, nur noch in einer dünnen Schicht aussen an der Krone. Im Inneren ist es für die Blühinduktion zu dunkel. Die wenigen Blätter dieser Schicht vermögen den Baum nicht ausreichend zu ernähren, seine Wüchsigkeit nimmt ab. Er verfilzt mehr und mehr. Efeu, Misteln und Waldreben beschweren die Krone zusätzlich, bis sie, morsch geworden, unter Schneelast oder im Sturm zusammenbricht.

Der Baum
Ein Hochstamm-Obstbaum ist aus der Wurzel, der Unterlage, dem Stamm, Leit- oder Tragästen, Fruchtästen und Fruchtruten aufgebaut. Die Unterlage versorgt den Baum mit Wasser und Nährstoffen aus dem Boden und gibt ihm Halt im Boden. Sie beeinflusst das Wuchsverhalten der Edelsorte und damit die Fruchtbarkeit des Baumes. Das ist besonders bei kleineren Baumformen wichtig.

Auf die Unterlage wird eine Sorte als Stammbildner und auf gewünschter Stammhöhe die Edelsorte, deren Früchte man ernten will, veredelt. Der Stammbildner kann und fällt heute oft weg. Die Stammhöhe war darauf abgestimmt, mit einem Gespann unter den Baumkronen fahren zu können, als noch Ackerbau unter Hochstämmen betrieben wurde. Üblich waren 1,8 bis 2 Meter. Heute werden alte Bestände oft den Gegebenheiten der traktorenbetriebenen Grünlandbewirtschaftung zuliebe grausam aufgeastet. Ein Halb- oder Niederstamm ist ein Hochstamm auf halbem Stamm, also unter einem Meter Stammhöhe. Die Zahl der Übergangsformen ist unendlich, weil im Obstbau im 19. und 20. Jahrhundert viel und freudig experimentiert wurde. Oft werden Spindelbüsche, wie sie sich häufig in Obstanlagen finden, als Niederstämme oder Niederstämmer bezeichnet, obwohl sie, trotz vermeintlich gleicher Stammhöhe, ganz andere Unterlagen haben und ohne Pfahl nie stehen können. Die Krone des Hochstamms wird ganz aus der Edelsorte erzogen. Das erklärt die unterschiedlichen Kronenformen. Üblicherweise bildet die Stammverlängerung mit 3 oder 4 Leitästen das statische Gerüst des Baumes. Daran wachsen Fruchtäste und an diesen Fruchtruten, die die Blüten und Früchte tragen. 

Das Alter
Ein Hochstamm wird 80 bis 120 Jahre alt. Er hat eine sehr langsame Jugendentwicklung, bis das statische Gerüst voll entwickelt ist und das vegetative Wachstum sich beruhigt. Vollernten sind erst nach 15 bis 20 Jahren zu erwarten, dann aber für 30 bis 60 Jahre. Das sind Zeiträume, die nicht zum Einfamilien-hausgarten und unserer schnelllebigen Landwirtschaft zu passen scheinen.

Da sich von Hochstämmen nur schwer – das heisst von der Leiter aus – Tafelobst gewinnen lässt und sie sich durch ihre Grösse einem effektiven Pflanzenschutz entziehen, wurden Baumformen gesucht, die einfacher zu handhaben sind. Niederstämme waren nicht die Lösung, da sie alle Probleme einfach weiter unten haben.

Die kleinen Bäume

In East Malling, Kent, England, systematisiert man seit 1913 oft schon Jahrhunderte alte, vegetativ vermehrte Obstunterlagen und züchtete neue. Im 9. Quartier fand sich eine schwach wachsende, gut verträgliche Unterlage, mit der sich fast alle Edelsorten zu Spindelbüschen erziehen liessen. Auf dieser Unterlage M9 und einigen anderen wachsen heute fast alle Tafeläpfel weltweit. Ein Spindelbusch ist wie ein auf M9 veredelter Leitast eines Hochstamms, mit Fruchtästen und Fruchtruten, aber leider ohne eigene Standfestigkeit. Vom Pfahl gestützt, trägt ein Spindelbusch vom zweiten Standjahr an, wird allerdings nur 10 bis 15 Jahre alt.

Bei Ballerina- und Säulenbäumen geht die Miniaturisierung noch weiter. Sie können als Fruchtruten auf geeigneter Unterlage betrachtet werden. Der Ertrag ist durch die geringe Grösse des Bäumchens klein, ist aber bei guter Pflege einige Jahre verlässlich.

Das Werkzeug
Zum Obstbaumschnitt braucht man eine scharfe und geölte Schere, eine schnittige Säge, egal ob Fuchsschwanz oder Bügelsäge, warme und bequeme Handschuhe und unbedingt eine Mütze, damit einem nicht Fruchtspiesschen durchs schüttere Haupthaar stechen. Vom Spindelbusch an ist eine stabile Leiter notwendig. 

Die Schnitte 
Zwei Arten Schnitt sind erlaubt: das Anschneiden und das Ableiten. Beim Anschneiden wird der neue Trieb gekappt, die Apikalknospe (oberste Knospe) entfernt. Das hat je nach Schnitthöhe verschiedene Wirkungen, dient aber grundsätzlich dazu, den Wuchs anzuregen. Angeschnitten wird sehr selten: ganz oben an der Stammverlängerung und den Leitästen beim Hochstamm, ganz oben am Spindelbusch und nötigenfalls oben am Schnurbaum. Nur am Tragholz, nie am Fruchtholz! Beim Ableiten wird vor einem intakten Ast, Zweig oder Zweiglein, im kleinsten Falle einem Fruchtspiess, abgeschnitten. Eine ausgereifte Endknospe bleibt am Ende stehen. Das beruhigt das vegetative Wachstum und fördert Blüten- und Fruchtansatz.

Schauen, Überlegen, Schneiden
Angesichts eines Baumes stellen sich verschiedene Fragen, allen voran das «woher? wohin?». «Was soll mit dem Schnitt erreicht werden?» ist die wichtigste. Unreflektiertes Drauflosschneiden erzeugt die ungeheuerlichsten Baumschönheiten, die allenthalben zu bewundern sind. Dem ganzen Baum ist anzusehen, in welchem Zustand er ist und wie er gefördert werden kann. Sieht man Partien mit zu dicht stehenden Zweigen, muss ausgelichtet werden. Viele Wasserschosse deuten auf ein zu starkes vegetatives Wachstum hin. Sie müssen entfernt, aber sonst nicht angeschnitten werden. Ist der Baum vergreist, hängen alle Fruchtäste, dick mit Flechten bewachsen, weit unter der Waagrechten. Es muss verjüngt werden, indem auf einen jungen, nicht zu tief angesetzten Trieb abgeleitet wird. Beim Spindelbusch und Schnurbaum wird das Fruchtholz verjüngt und so ausgelichtet, dass ein gutes Verhältnis von Blattmasse und Fruchtbehang gewährt ist.

Niemals darf das Abgeschnittene Mass für die Qualität des Schnitts sein. Ein gut gepflegter Baum braucht immer weniger Schnitt. Ein grosser Haufen Reisig nützt nur dem, der ihn gegen Geld entsorgt.  

 

Quelle

Bioterra,
Jan./Feb. 2017
(Dienstag, 03. Januar 2017)
Kategorie: 
Obst - Beeren