Der Sonne zugewandt

Staudengärtner Xavier Allemann hat eine Vorliebe für die Familie der Lippenblütler. Sie lassen trockene Gärten, die auf den ersten Blick hoffnungslos erscheinen, geradezu aufblühen – und ziehen Bienen und Schmetterlinge magisch an.

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Von Carmen Hocker

Beim Stichwort Steingarten zucken viele Pflanzenliebhaber erst einmal zusammen. Zu gross ist die Zahl der kargen, trostlosen Steinwüsten, die nicht nur Neubausiedlungen dominieren. Dabei ist der Kiesgarten à la Beth Chatto alles andere als karg und trostlos. Staudengärtner Xavier Allemann erzählt, dass ihn der Besuch ihres Gartens zu Tränen gerührt habe: «Beth hat dort so interessante, lebendige Pflanzengesellschaften angesiedelt, es ist unglaublich, was sie aus dieser schwierigen Situation gemacht hat.» Berühmt geworden ist die Grande Dame der britischen Gartenkultur, weil sie in der trockenen und von Ostwinden gepeitschten Region Essex einen wunderbaren Kiesgarten angelegt hat, getreu ihrem Motto, «die richtige Pflanze am richtigen Ort».

Pflanzen, die ihr Versprechen halten
«Manchmal kommen Kunden in unsere Gärtnerei, die verzweifelt sind, weil sie einen besonders trockenen Garten haben», sagt Allemann. Das sei der Moment, ihnen Mut zu machen und von den Vorzügen der Lippenblütler Lamiaceae zu schwärmen. Diese Familie umfasst duftende Pflanzen, die besonders lange blühen, Insekten anziehen und sogar als Küchen- oder Heilkraut Verwendung finden. Manche von ihnen wie der Quirlblütige Salbei oder die Blaunessel tragen Blütenstände, die bis in den Winter eine Zier sind und den Pflanzungen Struktur geben. Während manche Stauden wie das Tränende Herz Lamprocapnos spectabilis sich nach der Blüte zurückziehen und geschickt durch andere Stauden versteckt werden müssen, sind die Vertreter der Lippenblütler über viele Monate ein Blickfang. Alles, was sie benötigen, um sich wohlzufühlen, ist ein normaler, durchlässiger Boden.  

Genügsame Wesen
Damit die Pflanzen sich etablieren können, sind nur wenige Aspekte zu berücksichtigen. Vor der Pflanzung sollten die Töpfe so lange gewässert werden, bis keine Blasen mehr aufsteigen. Nach dem Setzen der Stauden müssen sie gut eingeschlämmt werden. Anschliessend ist kein Giessen mehr notwendig. Im Gegenteil. Werden sie weiterhin gegossen, haben sie keinen Anreiz, tiefe Wurzeln zu bilden. Es gibt Lippenblütler wie die Katzenminze Nepeta manchuriensis ‘Manchu Blue’, die gerne als Solitär im Mittelpunkt stehen. Mit einer Höhe von bis zu einem Meter hat die winterharte Staude, die auch bei Schmetterlingen sehr beliebt ist, eine besondere Ausstrahlung. Eine weitere Strukturpflanze ist die Blaunessel ‘Blue Fortune’, die sich im Gegensatz zur Wildform nicht versamt und deshalb standorttreu ist, was mancher Amateur-Gärtnerin die Pflege erleichtert. Unter den Lippenblütlern gibt es aber nicht nur «Hauptdarsteller». Denn für ein harmonisches und gleichzeitig spannendes Bild benötigt man Stauden in verschiedenen Höhen, mit unterschiedlichen Blattstrukturen und Blütenformen. «Ich versuche immer, eine Stimmung zu erzeugen, einen Effekt zu erzielen», beschreibt Xavier Allemann seine Vorgehensweise. Je kleiner der Garten oder das Beet ist, desto eher sollte man sich auf wenige Arten und Sorten beschränken. So kann selbst ein kleiner Garten mit mehreren Beeten optisch wie ein einziges grosses, wogendes Blütenmeer wahrgenommen werden.

LESERANGEBOT: Sonnenkinder für trockene Standorte 

Xavier Allemann von der Staudengärtnerei «Lautrejardin» in Cormérod (FR) hat für «Bioterra»-Leserinnen und -leser Kultursorten in Bioqualität ausgewählt, die eine besonders lange Blütezeit haben, duften und von der Insektenwelt geschätzt werden.
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Steppen-Salbei Salvia nemorosa 'Caradonna'
Standort: sonnig bis halbschattig
Blütezeit: Juni und September
Blütenfarbe: violett
Höhe: 50 cm
Dichte: 9 Pflamzen pro m2 (in kleinen Gruppen)

«Ein Ziersalbei mit hübscher Blattrosette, die schon vor der Blüte attraktiv aussieht. Nach der ersten Blüte darf die Staude auf 3 bis 4 cm zurückgeschnitten werden, um zu remontieren. Die Züchtung ‘Caradonna’ stammt von der deutschen Jungpflanzen-Gärtnerei Zillmer. Ich finde es immer interessant, die Hintergrundgeschichte einer Pflanze zu kennen. Man fühlt sich ein bisschen wie Sherlock Holmes . . . Die jungen Blätter werden leider von Schnecken geliebt. Man muss sie am Anfang vor Schnecken schützen, vor allem wenn der Boden nass ist. Hat sie sich einmal etabliert, ist das kein Problem mehr. Fühlt sie sich an einem Standort wohl, ist sie eine langlebige Staude.»

Bergminze Calamintha nepeta 'Triumphator'
Standort: sonnig
Blütezeit: Juli bis Oktober
Blütenfarbe: weiss, mit bläulichem Touch
Höhe: 40 cm
Dichte: 9 Pflanzen pro m2

«Eine Auslese der heimischen Bergminze. Sie ist steril, zieht aber mit ihrem reichhaltigen Nektar- und Pollenangebot viele Insekten an. Im Gegensatz zur Art ist sie standorttreu und bildet auch keine Ausläufer wie andere Minzen. Die Bergminze blüht erst ab Juli, weshalb man sie nicht wie die Katzenminzen zurückschneiden muss. Ihre duftenden Blütenrispen eignen sich auch für die Vase.»

Katzenminze Nepeta x faassenii 'Six Hills Giant'
Standort: sonnig
Blütezeit: Juni bis September
Blütenfarbe: blau
Höhe: 80 cm
Dichte: 9 Pflanzen pro m2

«Eine alte, britische Züchtung von Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Gärtnerei «Six Hills». Besonders schön zu Rosen und am Rand von Wegen. Der grosse Unterschied zwischen Steppensalbei und Katzenminze der Faassenii-Gruppe ist, dass letztere graugrünes Laub hat und die Blüten heller sind. Sie sind feiner und haben weniger Fernwirkung. Dafür ist die Katzenminze eine wichtige Grundpflanze, die eine Basis bildet, um auffälligere Stauden in Szene zu setzen und zu begleiten. Taubenschwänzchen fliegen auf die Blüten dieser Katzenminze. Aufgrund ihrer Höhe ist sie nicht ganz standfest.»

Quirlblütiger Salbei Salvia verticillata ‘Hannay's Blue'
Standort: sonnig
Blütezeit: Juli und September
Blütenfarbe: blau
Höhe: 60 cm
Dichte: 4 Pflanzen pro m2

«Das pelzige, grüne Laub bringt das Blau der Blüten besonders zum Leuchten. Eine kompakte Sorte, deren Blüten etwas blauer sind als die der Art. Die Rispen wirken auch schon im Frühjahr hübsch, ohne Blüten. Dieser Salbei eignet sich für den Remontierschnitt, wobei man überlegen muss, ob man eine zweite, meist schwächere, Blüte wünscht oder ob man sich auf den Winteraspekt freut. Denn seine quirlartigen, leicht geneigten Blütenstände sind auch im Winter eine Zier.

Steppen-Salbei Salvia nemorosa 'Amethyst'
Standort: sonnig bis halbschattig
Blütezeit: Juni und September
Blütenfarbe: rosaviolett
Höhe: 80 cm
Dichte: 9 Pflanzen pro m2

«Eine historische Sorte des bekannten deutschen Staudenzüchters Ernst Pagels. Dieser Steppensalbei hat ähnliche Eigenschaften wie ‘Caradonna’. Seine Blüten gehen aber stärker ins Rosaviolett. Mit 80 cm Höhe wirkt ‘Amethyst’ im Beet etwas imposanter.»

Blaunessel Agastache Rugosa-Hybride 'Blue Fortune'
Standort: sonnig, durchlässiger Boden
Blütezeit: Juli bis September
Blütenfarbe: blau
Höhe: 90 cm
Dichte: 4 Pflanzen pro m2

«Eine klassische Strukturpflanze, deren Blütenkapseln im Winter eine Zier sind. 'Blue Fortune' ist weniger kälteempfindlich als andere Agastache-Sorten. Obwohl Agastachen nicht immer langlebig sind, schätze ich sie wegen ihrer langen Blütezeit. Ausserdem behalten sie ihre Farbe über die Blüte hinaus und sind ein Schmetterlingsmagnet. In nassen, kalten Gegenden ist sie nur bedingt winterhart.»

Katzenminze Nepeta manchuriensis 'Manchu Blue'
Standort: sonnig bis halbschattig
Blütezeit: Mia bis Juli und September
Blütenfarbe: blauviolett bis lilablau
Höhe: 100 cm
Dichte: 4 Pflanzen pro m2

«Eine Neuheit unter den Katzenminzen. Diese grossblütige Staude hat auch grosse Blätter. Sie wirkt vor allem solitär und ist auch als Schnittblume geeignet. Im Winter bringt sie mit ihrem kräftig grünen Laub Struktur in den Garten. Noch mehr als die Faassenii-Gruppe zieht sie Schmetterlinge an.»

Wollziest Stachys byzantina ‘Cotton Ball'
Standort: sonnig
Blütezeit: Juni bis Juli
Blütenfarbe: rosa
Höhe: 40 cm
Dichte: 11 Pflanzen pro m2

«Das pelzige, silbriggraue Laub des Ziests hält sich dezent im Hintergrund. Dafür ist es bis spät in den Herbst ein schöner Bodendecker. Im Juni und Juli zeigen sich flauschige, weisse Blütenbälle, in denen sich die rosa Einzelblüten «verstecken». Sie werden gerne von Bienen angeflogen. Die Blütenbälle sitzen an hohen, stabilen Stängeln und erinnern tatsächlich an Baumwolle.»