Ein Herz für Käfer

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Von Sandra Weber

Käfern stehen Gartenbesitzer stets etwas misstrauisch gegenüber. Dabei sind sie als Schädlingsfresser, Abfallverwerter, Bestäuber und Nahrung unverzichtbarer Bestandteil des Ökosystems. Höchste Zeit, ihnen den Platz zu gewähren, der ihnen gebührt. 

Der Käfer hat es schwer. Anders als viele seiner Gartenmitbewohner hat er kaum jemanden, der sich für ihn einsetzt. Um Bienen und Schmetterlinge, Igel und Vögel kümmern sich mehrere Organisationen mit gewaltigem Medienecho. Kaum ein Garten, der heute ohne Wildbienenhotel und Vogelhäuschen auskommt. Und schmetterlingsfreundliche Wildblumenmischungen gibts sogar beim Grossverteiler. 

Wahrscheinlich haben es einzig die Spinnen noch schwerer. Ihnen fehlt, genau wie den Käfern, einfach der «Jöh-Faktor». Dazu kommt, dass man den Sechsbeinern im Garten eher mit Argwohn begegnet. Frei nach dem Motto: «In dubio contra reum» – im Zweifel gegen den Angeklagten – findet ein Käferleben oft ein jähes Ende unter der Gummistiefelsohle. Oft zu Unrecht. Natürlich gibt es Käfer, die im Garten für Ärger sorgen wie der Dickmaulrüssler. Die meisten Krabbler aber sind harmlos. Etwa der prächtige Rosenkäfer, den man an seinem grün schillernden Kleid erkennt. Er ernährt sich von Staubblättern und Pollen von Holunder, Päonien und Rosen, was ihm den Namen eingebracht hat. Seine Larven helfen sogar, organisches Material in Humus zu verwandeln, man findet sie oft im Kompost. Wer in seinem Garten gar einem Laufkäfer begegnet, kann sich glücklich schätzen. Rund 523 Lauf- und Sandlaufkäferarten sind in der Schweiz zu Hause. Allen ist gemein, dass sie gut zu Fuss sind – und sein müssen, denn die flinken, dämmerungs- und nachtaktiven Jäger ernähren sich vor allem von anderen Käfern, Spinnen, Insekten und deren Eiern und Larven. Manche Arten fressen gar Nackt- und Gehäuseschnecken. Ein willkommener Gast also. Und einer der selten geworden ist. Rund 200 unserer Laufkäferarten sind mehr oder weniger stark vom Aussterben bedroht. Anderen Käfer-familien geht es nicht viel besser. Dies vor allem, weil es in den Wäldern und Obstgärten an Altbaumbestand und Totholz fehlt. Zwar wird in der Schweiz jeder gefällte Baum wieder aufgeforstet. Für Waldlebewesen sind Jungbäume aber kaum von Interesse. Da nun vormals wertloses Holz für die CO2-neutrale Energieproduktion gewonnen wird, dürfte sich die Situation weiter zuspitzen. Das BAFU empfiehlt das klimafreundliche Heizen mit Holzpellets trotzdem. Es müsse aber ein Weg gefunden werden, Käfer- und andere Tierarten zu schützen, die Wälder mit hohem Totholzanteil benötigen. Auch das Verschwinden von Auenlandschaften und vielfältigen, strukturreichen Waldrändern macht den Käfern zu schaffen. Wo sie fehlen, bekommen ihre Jäger – Vögel, Eidechsen, Amphibien, Maulwürfe, Fledermäuse und Igel – Probleme. Zudem sind viele Käferarten massgeblich an natürlichen Abbau- und Zersetzungsprozessen beteiligt, wandeln also tierische und pflanzliche Abfälle in Humus um und sind darum unverzichtbarer Bestandteil des ökologischen Gleichgewichts. Wer sich für Käfer einsetzt, ist also nicht verschroben, sondern tut etwas für die gesamte einheimische Flora und Fauna.

Ein Garten für Käfer

Steinhaufen, Trockensteinmauern, Holzbeigen, hohes Gras und dichte Hecken bieten Versteck- und Überwinterungsmöglichkeiten. Lassen Sie auch Schädlingen etwas Platz: Blatt- und Schildläuse, Spinnmilben und Weisse Fliegen sind Futter für verschiedene Marienkäferarten – einer ernährt sich gar von Echtem Mehltau. Auch Ohrwürmer mögen Blattläuse. Schnecken stehen auf dem Speiseplan von Laufkäfern und Leuchtkäferlarven. Ergänzend nehmen Käferarten wie Rosen-, Marien- und Pinselkäfer Pollen und Nektar zu sich. Den bieten einheimische Sträucher und Wildstauden. Ausserdem locken sie Raupen und Insekten an, die Nahrung für räuberisch lebende Käfer sind. Besonders wertvoll sind alte Bäume und Totholzhaufen. 

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Marienkäfer

Die Anzahl Punkte auf dem Marienkäfer verweist nicht auf sein Alter, sondern auf seine Zugehörigkeit: Rund hundert Arten sind in Mitteleuropa verbreitet. Im Volksmund wird er auch Himelgüegeli, Muetergottes-Chäferli, Frauetierli, Herrgotts-Chäferli, Liebgottchüeli, Anketriineli oder Schuehmächerli genannt. Zumindest erstere Namen könnten so erklärt werden: Die Bauern freuten sich schon immer an dem blattlausvertilgenden Käfer – fürwahr ein Geschenk Gottes. Oder vielleicht der Jungfrau Maria? Schliesslich tragen manche sieben Punkte, die Zahl, die bei den Katholiken mit der Muttergottes und ihren sieben Schmerzen assoziiert wird. Konkurrenz bekommt er neuerdings vom Asiatischen Marienkäfer. Ihm gelang vor ein paar Jahren die Flucht aus dem Gewächshaus, wo er als biologischer Schädlingsbekämpfer eingesetzt wurde. 

Drei Fragen an: Stefan Ineichen, Autor und Biologe (Schwerpunkt Stadtfauna), Dozent ZHAW, Präsident des Vereins Glühwürmchen-Projekt und Mitglied der Entomologischen Gesellschaft Zürich (EGZ)

Wie kann ich den Garten käferfreundlich pflegen?
Machen Sie möglichst wenig. Je wilder, desto besser. Meiden Sie Gift, lassen Sie Laub liegen und mähen Sie nicht mit dem Fadenmäher, der zerschnetzelt alles, was kriecht und fliegt. Auch sollte auf Gartenbeleuchtungen verzichtet werden.

Warum?
Lampen verwirren Nachtfalter, Leucht-käfer und andere nachtaktive Käferarten extrem. Die einen weichen dem Licht aus, andere verlieren die Orientierung und werden von Lampen unwiderstehlich angezogen. Weitere werden gar nicht erst aktiv, wenn es nicht wirklich dunkel wird.

Helfen Gärten, bedrohte Käferarten zu retten?
Auf jeden Fall. Nicht nur Käfer! Gärten sind nicht zu unterschätzende Refugien. In einer Stadt wie Zürich dürften etwa 40 % aller in der Schweiz lebenden Tierarten vorkommen. Wildtiere werden von so vielen Seiten unter Druck gesetzt, durch Zersiedelung, bauliche Verdichtung, Strassenverkehr, die intensive Landwirtschaft, aber auch durch Licht und Lärm. Sie können jede Unterstützung brauchen, die sie kriegen können.

 

Infos

•    Bezug von Marienkäferhäuschen
www.bioterra.ch/shop
•    Bezug von Zweipunkt-Marienkäfern und -larven als Nützlinge im Garten
www.biogarten.ch
•    Beratung und Gestaltung von Naturgärten: www.bioterra.ch/fachbetriebe/naturgarten

Buchtipps:

•    Welcher Käfer ist das? Über 150 Käfer Mitteleuropas, Martin Baehr, 2012 Kosmos -Verlag, Fr. 18.90
•    Marienkäfer, Glühwürmchen, Florfliege & Co. Nützlinge im Garten, Thomas Lohrer, 2010, Pala-Verlag (inkl. Bauanleitungen), Fr. 21.90
•    Insekten im Wald. Vielfalt, Funktionen und Bedeutung, Beat Wermelinger, 2017, Haupt-Verlag, Fr. 49.90

•    Weitere Infos, www.totholz.ch