Ein vogelfreundlicher Garten

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Von Sandra Weber

«In einem leeren Haselstrauch,
da sitzen drei Spatzen Bauch
an Bauch. Der Erich rechts
und links der Franz und
mittendrin der freche Hans.» 

So beginnt ein Gedicht von Christian Morgenstern. 

Den Spatz, ornithologisch korrekt Haussperling genannt, kennt jedes Kind. 2015 wurde er zum Vogel des Jahres ernannt – nicht, weil er so bekannt ist, sondern weil sein Bestand in den letzten 30 Jahren regional um bis zu 40 Prozent zurückgegangen ist. Das liegt unter anderem an der Intensivierung der Landwirtschaft, die dem eigentlich anpassungsfähigen Allesfresser die Lebensgrundlage raubt: Effiziente Erntemaschinen, mit Pestiziden vergiftete Insekten und abgemähte Hecken und Wildkrautstreifen. Vieh und Geflügel, in deren Nähe Futter zu finden war, werden in geschlossenen Ställen gehalten und diese, wie Wohnhäuser auch, so saniert, dass sie den Höhlenbrütern kaum noch Nistmöglichkeiten bieten. Neubauten nutzen jeden Quadratmeter Boden, das wenige verbleibende Grün wird aufgeräumt und pflegeleicht gehalten. Kein Wunder, ist der einst omnipräsente Spatz auch in Städten selten geworden. 

Gärten sind für Sperlinge deshalb Überlebensräume geworden. Wer den kleinen Vögeln Zuflucht bieten, aber nicht viel Aufwand betreiben möchte, tut am besten gar nichts. Zumindest in einem Bereich des Gartens: je wilder und ungepflegter, desto vogelfreund-licher. Auf keinen Fall jäten. 

Beikräuter wie Brennnesseln oder Vogelmiere sind regelrechte Vogelbuffets, sei es wegen der Raupen, die auf ihnen leben, oder wegen ihrer Samen. Auch Totholz ist voller Leben und damit voller Vogelnahrung. Und je dichter und dorniger eine Hecke, desto mehr Unterschlupf und Nistplätze finden gefiederte Gartenbewohner. Im Idealfall besteht sie aus einheimischen Sträuchern, die Vögel in der kalten Jahreszeit mit Beeren und Steinobst versorgen: Berberitze, Liguster, Heckenrose, Schwarzdorn, Vogelbeere, Holunder oder Pfaffenhütchen. Wer weniger Platz hat, schichtet einen Wall aus Ästen und Brombeerranken auf – als Versteck für Spatzen und Nistplatz für Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke und Zaunkönig. Man kann ihn mit Geissblatt Lonicera überwachsen lassen, eine duftende Kletterpflanze, die im Herbst bei Vögeln beliebte Beeren bildet. 

Besonders gern halten sich Spatzen in begrünten Wänden auf: Sie bieten Schutz, Überblick und sind oft von vielen  Krabbeltieren bewohnt. Je nach Standort eignen sich Efeu, Kletterhortensie, Clematis, Rosen oder Wilder Wein Parthenocissus. Letzterer bildet Beeren und eine schöne Herbstfärbung. P. tricuspidata und P. quinque-
folia erklimmen Fassaden mittels Haftscheiben selbst (Entfernen an der Fassade ist problematisch), P. vitacea benötigt ein Rankgerüst. 

Beete werden am besten mit Wildstauden bepflanzt, die viele Insekten anziehen. Wer etwas ganz Besonderes für die Spatzen tun möchte, legt ein Getreidebeet an: Weizen oder Hafer wird mit Samen von Ackerwildkräutern wie Mohn, Kornblume, Kornrade, Wegwarte, Habichtskraut und Adonisröschen ausgesät. Im Spätsommer wird mit der Sense gemäht und alles liegengelassen, damit die Spatzen die Körner holen können. 

Morgensterns Gedicht endet mit folgenden Zeilen: «Sie hörn alle drei ihrer Herzlein Gepoch. Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.» 

Ja, sie sitzen noch – mit der Betonung auf noch. Anders als in England und Deutschland sind die Spatzen bei uns noch nicht gefährdet. Das könnte sich aber rasch ändern. Mag das Tschilpen des Haussperlings weniger melodisch klingen als der Gesang der Amsel, sein Kleid bescheidener sein, als das des Gimpels – der Spatz, der dem Men-schen über Jahrtausende gefolgt ist, gehört zu uns. Und: Fühlt sich der Spatz im Garten wohl, werden andere Vogelarten nicht auf sich warten lassen. 

 

Tipps zur Montage von Nisthilfen

•    Höhlen-, Halbhöhlen-, Kolonie- oder Einzelbrüter brauchen unterschiedliche Kästen und Einfluglöcher.
•    Im Frühherbst, spätestens  Vorfrühling, aufhängen.
•    Höhe: 1,8 bis 3 m, Einflugloch Richtung (Süd-)Osten.
•    Tagsüber keine direkte Sonne.
•    An Hauswand oder Stamm lehnend, an windgeschützten Orten frei hängend montieren.
•    Nistmaterial (Schafwolle, Daunen federn usw.) nicht in Kästen legen, sondern in Drahtkörbchen daneben anbieten.
•    Zwischen September und Februar mit Wasser und Schmierseife reinigen.
•    Nistkästen dienen ganzjährig als Unterschlupf und Übernachtungs platz. 

Vögel richtig füttern

•    Finken, Spatzen, Ammern, Meisen,  Kleiber, Spechte: dunkle Sonnenblumenkerne, Hanfsamen.
•    Amseln, Rotkehlchen, Star: in Öl getränkte Haferflocken, Rosinen, Obst, zerhackte Hasel-, Baumnüsse.
•    Kein Brot, keine Essensreste und gewürzte Speisen.
•    Futter vor Nässe und Kot schützen.
•    Futterstelle so platzieren, dass Vögel sich nähernde Feinde sehen und in nahe  Sträucher flüchten können.
•    Wasser nur anbieten, wenn Wasserstelle täglich gereinigt und frisch gefüllt werden kann.

vogelseite_michael-schaad.jpgDrei Fragen an:
Michael Schaad, Biologe, Schweizerische Vogelwarte Sempach

Gärten sind nicht Lebensräume für bedrohte Vogelarten. Warum ist es trotzdem wichtig, sie vogelfreundlich zu gestalten?
Weil auch verbreitete Arten plötzlich selten werden können – wie mit dem Spatz geschehen. Viele Vögel, die, wie ihr Name verrät, einst in Gärten lebten, sind dort kaum noch anzutreffen, etwa der Garten-rotschwanz und die Gartengrasmücke. Naturnahe Gärten tragen dazu bei, häufigen Arten weiterhin Lebensraum anzubieten. Vielleicht sogar, anspruchs-vollere wieder anzusiedeln. Ausserdem dient ein vogelfreundlicher Garten auch vielen anderen Lebewesen.

Ist das Füttern von Vögeln sinnvoll?
Seltene und bedrohte Arten werden mit der Fütterung im Garten nicht unterstützt – diese ziehen im Winter in südlichere Gefilde oder wagen sich nicht in Menschennähe. Auch haben Vögel nur bei Schnee und Minustemperaturen Probleme, selber Futter zu finden. Füttern schadet aber auch nicht, wenn man es richtig macht. Vögel an einem Futterhaus zu beobachten, ist ein wunderschönes Erlebnis!   

Was kann man für bedrohte Vogelarten tun?
In erster Linie das eigene Konsumverhalten anpassen! Und man kann sich für nach-haltige Landwirtschaft und den Naturschutz einsetzen.

Buchtipps:
Wintervögel, von Lars Jonsson, Ornithologe und Künstler. Jonsson vermittelt Fachwissen und zeigt die Vögel in meisterhaften Aqua-rellen. Seine persönlichen Erzählungen bereichern das einmalige Werk. Kosmos-Verlag, Stuttgart, 2015, (von NABU empfohlen), Fr. 49.90, im Bioterra-Shop erhältlich

Mehr Platz für den Spatz! Spatzen erleben, verstehen, schützen, Uwe Westphal, Pala-Verlag, Darmstadt, Fr. 29.90.

Infos:
•    Informationen, Bauanleitungen für Nisthilfen, Exkursionen: BirdLife Schweiz www.birdlife.ch
•    Informationen, Besuchszentrum, Bezug von Nisthilfen: Schweizerische Vogelwarte Sempach: www.vogelwarte.ch
•    Beratung und Gestaltung von Naturgärten: www.bioterra.ch/fachbetriebe/naturgarten