Nüsslisalat, Radiesli und würzige Wildkräuter, aber bloss kein Lollo

sli_schindgarten_sept_bekabitterlifotografie_261.jpg

Von Jochen Elbs-Glatz

Einen Salat dulde ich nicht in unserem Garten: Lollo, sei er nun grün oder rot. Überall wird Lollo gereicht, kaum zerteilt, aber mit reichlich Sauce. Gegen andere Salate hege ich kaum Vorurteile. Der Letzte ist hier auch gleich der Erste. Beim Nüssler lohnt sich der Eigenbau unbedingt. Nicht einmal der wirklich sehr gute vom Biobauern reicht geschmacklich an die im Garten selbst versamten Rosetten heran. Lässt man Nüsslisalat blühen und versamen, wachsen die schönsten Pflänzchen, wo es ihnen am besten gefällt. Das ist meist mit einem gesteigerten Grad von Unzugänglichkeit gepaart. Das Ernten wird wieder zum Sammeln, dem Ursprung des beernteten Unkrauts «Ackersalat».

Früh, wenn der Huflattich blüht, kann Pflücksalat ins Freiland gesät werden. Dazu ein paar Radieschen. Die Sortenwahl ist hier nicht so entscheidend fürs Gelingen, eher das Wetter. Etwas Hirschhornsalat liefert Salatwürze fürs ganze Jahr. Gleiches gilt für Barbarakraut, Rauke/Rucola und Petersilie. Um von Töpfchen mit verlaustem Schnittlauch autark zu werden, sät man jetzt eine Reihe vom Feinen. Die Beete stark aufzuwalmen, damit sie schneller abtrocknen und sich erwärmen, ist den frühen Saaten förderlich und auch Abdecken mit Gartenvlies.

Jetzt ist die beste Zeit, Wildkräuter im Garten zu sammeln. Gänseblümchen, Cardamine hirsuta, Hirtentäschel, Viola, Barbarakraut und Löwenzahn, gebleicht oder nicht, und später frisch entfaltete Buchenblätter würzen den Salat.

Bei den Sommersalaten wird einem oft die Entscheidungsfreiheit genommen. Meist orientiere ich mich am Angebot der Gärtnerei vor Ort. Da gibt es nichts Extravagantes, aber solide, gut abgehärtete Pflänzchen. Schenkt die freundliche Gärtnerin ein, zwei Pflänzchen dazu, ist der Plan vom gestaffelt Pflanzen schon dahin. Auch die Nachbarin empfände es als grob unhöflich, würde ihre Handvoll Setzlinge zurückgewiesen. Hier hilft ein Beet für Kuriosa varia, das all das aufnimmt, aber auch nicht zum Todeslager werden darf. Entdecke ich eine Salatsorte, die mich interessiert, säe ich unter Mühen ein paar einzelne Samen in eine kleine Saatschale. Salate in Monokultur sind sehr durch Schädlinge gefährdet, in bunter Mischkultur weit weniger. Mit Kohlrabi, Rettich, Fenchel und Radieschen fühlen sie sich wohl. Ein wenig Dill, in die Reihen gestreut, verwirrt anfliegende Läuse und lockt vielleicht noch einen Schwalbenschwanz zur Eiablage. Lässt man bei der Ernte den Strunk und die untersten Blätter stehen, wachsen wieder neue, zarte Blättchen, manchmal Köpfchen. Das geht auch bei Fenchel sehr gut. Im Juni ist es Zeit, ‘Palla Rossa’ zu pflanzen und Zuckerhut zu säen. Er gedeiht locker gesät und ausgedünnt am besten. Bescheiden gepflegt, wachsen grosse, schwere Köpfe heran, die im Freien dem Frost trotzen und bis ins neue Jahr Salat oder ein Schmorgericht liefern. Gegen Bitterkeit hilft warmes Waschen. Nüssler wächst von selber und wird mit besonderen Sorten ergänzt.

biogarten_bekabitterli24.jpg

Pflanzensaft gibt Pflanzen Kraft!
Die Abtei Fulda betitelte ihre wegweisende Broschüre 1983 «Pflanzensaft gibt Pflanzen Kraft – pflanzliche Giess- und Spritzmittel für den Garten». Mit dieser Anleitung und im festen Glauben, dass sich im biologischen Gartenbau alle Probleme leicht lösen liessen, richtete ich unter meiner Lebenseiche eine Alchemistenküche der Pflanzenjauchen ein. Zwei der empfohlenen Sauerkrautfässer konnte ich täglich auf dem Schulweg auf dem Velo heimführen, sodass ich bald einiges Stinkendes, Schäumen-des zweimal täglich umzurühren hatte. Dabei blieben Kontaminationen nicht aus, die mir auf dem Weg zur damals arafattuchverhangenen, heute teppichumwickelten Weiblichkeit nicht weiterhalfen. Ein jähes Ende fand die Vielfalt heilender Pflanzensäfte, als ich eine Jauche aus Schnecken ansetzte, die diese sicher und auf lange vertreiben sollte. Der pestilenzialische Gestank lockte den wütenden Nachbarn herbei, der sämtliche Fässer über den Rossmisthaufen leerte, der damals den Komposthaufen vorstellte. So ist das Leben auf dem Lande.

Geblieben sind Brennnesseljauche und -kaltwasserauszug, Comfreyjauche, Holunderblätterjauche gegen Mäuse und die Wurzelunkrautjauche zur Abtötung von Unkrautwurzeln. Comfrey Symphytum peregrinum ist wie alle Beinwellarten sehr eiweiss- und kalireich, weshalb ihn mein Urgrossvater um 1900 in grösserem Umfang für die Schweinemast anbaute. Die Jauche ist stickstoffreich und gibt allem zögerlich Wachsenden einen Schupf. Angiessen mit der 1:10 verdünnten Jauche ermöglicht allem frisch Gepflanzten einen guten Start.

Die Beschaffung des Materials für eine Brennnesseljauche stösst mehr und mehr auf Schwierigkeiten. Im eigenen Garten ist zu wenig Platz für ausgedehnte Brennnesselbestände, in der freien, schön aufgeräumten Landschaft fehlen sie und aus dem Naturschutzgebiet darf man nichts entnehmen. Und was noch wächst, sollte doch lieber Schmetterlingsraupen zur Nahrung dienen. Brennnesseljauche ist ein hervorragender Kompostaktivator.

Brennnesselkaltwasserauszug bremst Insekten da, wo sie überhandzunehmen drohen. Er entsteht, wenn ca. 100 g frische Brennnesseln in 1 l Wasser 24 h ziehen, braucht also wenig Pflanzenmaterial. Für alle Jauchen braucht man 1 kg Frischkraut auf 10 l Wasser. Dieses Verhältnis erreicht man auch, wenn man ein Gefäss zu drei Vierteln locker mit leicht zerkleinertem Pflanzen-material füllt und dann bis 5 cm unter den Rand mit Wasser auffüllt. Das Zerkleinern erleichtert das spätere Umrühren sehr. Das Wasser sollte aus Regentonne, Bach, Fluss oder See stammen. Ich konnte nie negative Auswirkungen von Leitungswasser feststellen, finde es aber viel bequemer, die Fässer mit dem Schlauch zu füllen, als das Wasser kannenweise aus dem Kanal zu schöpfen. Nach 1 bis 2 Tagen beginnen die Jauchen zu gären und reifen, täglich umgerührt rund 14 Tage. Schäumen sie nicht mehr, sind sie reif. Nun kann abgesiebt werden oder auch nicht. Die Jauche sollte 1:10 verdünnt mit einem Jauchegiesser, einem Blech im Strahl der Giesskanne, oder ohnealles ausgebracht werden, um ärgerliche Verstopfungen zu vermeiden. Das verjauchte Kraut kommt auf den Kompost. Entdecken Sie zirka 2 cm lange, beschnorchelte Larven in Ihrer Jauche- tonne, ist «Igitt!» die falsche Reaktion. Es sind Larven der Mistbienen Eristalis tenax, Schwebefliegen, die in Jauche ihre Jugend und den Rest ihres Lebens Pollen fressend und bestäubend auf Blüten verbringen.

biogarten_grelinet.jpgGrelinette
Werkzeug zur Bodenlockerung
Die Grelinette ist eine fast 50 cm breite Doppelgabel aus Frankreich, die den Boden gründlich lockert, ohne ihn zu wenden. Dank der beiden hölzernen Holme kann auf der Stelle gearbeitet werden, indem sie rechts und links des Körpers nach unten gedrückt werden. Ein wenig wie beim Turnen am Barren. Bei einem T-Griff muss man ein paar Schritte zurückweichen. Das hält auf und verdichtet den Boden. André Grelin reichte sein Patent für ein «Dispositif pour jardinage» 1963 ein und betont, dass er damit helfen wolle, Rückenschmerzen vom Umgraben mit dem Spaten und die Bodenzerstörung durch das mehlfeine Fräsen zu vermeiden. Wir nutzen unsere Grelinette gemeinsam in 4 Familiengärten und unterstützen die Anliegen des M. Grelin. Tipp: Bioterra vertreibt zwar nicht die Grelinette, aber die ähnliche Gartengabel unter www.bioterra.ch/bioterra-sortimente/gartengerate

biogarten_bekabitterli35.jpgAkeleien
Zarte Vogelblümchen
Akeleien sind Vaganten im Garten, neuerdings Blackbox-Pflanzen genannt. Sie wachsen überall, gern auch,wo sie stören, wie im Inneren von Staudenhorsten, kaum aber da, wohin sie gepflanzt wurden. Unsere Akeleiensind eine Herde. Die, die dem «Zuchtziel» entsprechen, dürfen Samen bilden. Solche, die am falschen Ort wurzeln oder nicht so schön blühen oder rosa, wovon immer zuviel da ist, werden gejätet oder gleich nach der Blüte «kastriert». So wie bei den Schafen im 18. Jahrhundert Merinoböcke aus Spanien zur Veredlung der Landrassen eingeführt wurden, holen wir uns besonders schöne Akeleisorten aus England und sonst woher und hoffen, dass sich ihr Genom in unserer Akeleiherde durchsetzt.

 

Gemüsegarten
Ein paar Sortentipps für den März

Spargelsalat ‘Roter Stern‘
Erst die Blätter, dann roh oder gekocht den zarten Strunk
Saat: März, 30 cm x 30 cm
www.dreschflegel-saatgut.de

Wollfrüchtiger Feldsalat
Valerianella eriocarpa ‘Kölner Palm‘
Wird im März und April geerntet, so spät, weil er 2 Wochen später Blüten bildet als andere Nüssler. www.dreschflegel-saatgut.de

Hirschhornwegerich 
Plantago coronopus
Salatspezialität aus der Toscana
Saat: April bis Juni, 20 cm x 15 cm
www.dreschflegel-saatgut.de 

Radies ‘Cherry Belle’
Saat: März bis April, 10 cm x 5 cm
(Mulch von Holunderblättern vertreibt Erdflöhe)
www.zollinger-samen.ch

Rettich ’Münchner Bier‘
Zarter Radi voller Vitamine
Saat: März bis April, 20 cm x 8 cm
www.zollinger-samen.ch

Pflücksalat ‘Venezianer‘
Hellgrün, rasch und stark wachsend
Ganzjahressorte
Saat: ab März, 25 cm x 20 cm
www.sativa-rheinau.ch

Tipp: Merkblatt «Pflanzen helfen Pflanzen» von Bioterra, zu bestellen unter www.bioterra.ch/bioterra-sortimente/ pflanzenhilfsmittel.

 

© Fotos: Beka Bitterli