Vom Samen zum Setzling und die harte Prüfung der Schneckeninvasion

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Von Jochen Elbs-Glatz

Setzlinge selbst anzuziehenn vermittelt ganz unmittelbare Eindrücke vom Pflanzenleben. Säen, richtiges Überdecken, Feuchthalten, Keimen, Lüften, Pikieren, Wachsen, Beschatten, Verpflanzen und Abhärten machen aus, dass aus einem Samenkorn ein kräftiges Pflänzchen wird, das dann im Garten reicher Ernte entgegenwächst. Die Direktsaat vermittelt das Erlebnis weniger unmittelbar, weil die Pflänzlein im Boden und nicht direkt vor Augen sind.

Der Anfang der eigenen Anzucht ist leicht, später wird das Selbersäen zu wahrer Wissenschaft und Alchemie mit Stratifizieren, Kaltkeimern, Anschleifen von Samen, sterilen Erden, Nebelkammern und vielem mehr. Anfangs braucht man Samen, Erde und ein Gefäss. Das Saatgefäss kann alles mögliche Schalenartige sein. Hauptsache, überschüssiges Wasser kann durch Löcher im Boden abfliessen.

Ob man lieber in viele kleine oder mit Stöckchen unterteilte grosse Schalen sät, ist Geschmackssache. Einzelkornsaat in Multitopfplatten erspart das Pikieren. Zucchetti, Gurken, Kürbisse und andere, die zur Familie der Cucurbitaceae zählen, sät man gleich in einen genügend grossen Blumentopf – sie mögen das Verpflanzen nicht. 

Die meisten käuflichen Anzuchterden sind zu pappig. Gestreckt mit einem Drittel Sand, Blähschiefer kleiner Körnung oder Perlit werden sie erst für den Hausgebrauch verwendbar. Auch mit der feinen Brause können wir die gegossene Wassermenge nicht besonders gut steuern. Darum sind mineralische Zuschläge in der Erde und genügend Abzugslöcher so wichtig.

Die Samen sucht man sich beizeiten aus und hüte sich vor dem «Das wär doch auch noch schön». Es lohnt sich, wenig Seltenes selbst zu ziehen und «Gewöhnliches» zu kaufen. Der Wunsch nach Autarkie keimt schnell und treibt üppige Blüten. Schnell verrennen sich der Gärtner und die Gärtnerin und wollen vom Salatsetzling bis zum Christbaum alles selbst aus Samen ziehen. Sehr schnell sprengen dann die vielen Saatschalen das Frühbeet, und an die vielen Multitopfplatten mit Pikiertem wurde noch gar nicht gedacht. Auch der Arbeitsaufwand nimmt gewaltig zu: Selbstgesätes muss zumindest einmal täglich gegossen und gelüftet, begrüsst und begutachtet werden.
Ein Selbstlüfter kann da schon eine Menge Stress abbauen helfen.

Beim Pikieren werden die Sämlinge vereinzelt und bekommen mehr Wurzelraum. Solange sich die Sämlinge wohlfühlen, behalten sie ihre Keimblätter. Hat man zu viel gesät, fragt man sich: «Wohin damit?» «Auf den Kompost!», ist die einfache Lösung erfahrener Gärtner. Andere versuchen, Sämlinge an andere Sämlingsreiche zu verschenken oder sie für später aufzusparen. Naht die Zeit des Auspflanzens, müssen die Setzlinge abgehärtet werden. Dazu gewöhnt man sie an eine weniger üppige Wasserversorgung und nach und nach an die Sonnengunst der Gartenbeete. Achtung: Raus aus dem Frühbeet, rein in die pralle Sonne zeitigt letalen Sonnenbrand.

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Schnecken, Schnecken, Schnecken

Schnecken sind neben Pilzkrankheiten die schlimmsten Heimsuchungen im Garten. Kaum jemand kennt noch die elysischen Zeiten, als im Biogarten einheimische Wegschnecken mit ein wenig Häcksel, Asche oder Sägemehl von Frisch-gepflanztem fernzuhalten waren.
Ich erfuhr von der flächendeckend erfolgreichen Invasion der Spanischen Wegschnecke, als mein im festen Glauben aus Knoblauch gepflanzter Schutzwall nicht allein leicht überwunden, sondern auch noch ratzekahl gefressen wurde. Nach sehr schlechten Erfahrungen mit Schneckenjauche wurde ich zum Schneckenschneider. Nicht dass ich mir vom Zerschneiden einen ent-scheidenden Einfluss auf die Populationsdynamik der Wegschnecken erhofft hätte. Aber alle Zerschnittenen legten sicher keine Eier mehr und ich hatte die Befriedigung der eigenen Tat. 1499 waren mein Rekord an einem regnerischen Nachmittag, an dem ich ohne Schneckenpirsch nicht aus dem Haus gegangen wäre. In Erinnerung blieb das nur, weil sich partout keine Schnecke Nr. 1500 hat finden lassen.

Wie immer ist auch bei der Schneckenplage zu differenzieren. Nicht alle Schnecken sind Gartenschädlinge. Weinbergschnecken, Schnirkelschnecken und der Schnegel rühren lebendige Pflanzen so wenig an wie ein Vegetarier Rindstatar. Sie sind Saprophagen, Aufräumer im Garten. Oft verschwimmt sich allerdings die Grenze zwischen Leben und Tod bei Mensch und Weichtier. Wir sähen völlig lahme Salatsetzlinge noch gerne lebendig, wo sie den Saprophagen schon fressenswert erscheinen. Oft wird berichtet, Weinbergschnecken seien auf frischer Tat beim Fressen von Staudenaustrieb ertappt worden. In diesen Verdacht geraten sie durch ihre Leidenschaft für Wegschneckenschleim. Diese frassen den Austrieb und haben sich längst auf schmackhaftem Schleim verzogen. Nun sitzt die Weinbergschnecke mittendrin und muss schuld sein. Auch Schnirkelschnecken fressen keine Rosen, nur den Algenrasen auf Stielen und Blättern.

Der Schneckenzaun hält Wegschnecken zuverlässig von Salat und Gemüse fern, wenn nirgends Brücken entstehen. Zur Verkleinerung der Populationen hat sich regelmässig dünn über die ganze Gartenfläche ausgestreutes Ferramol (Eisen-III-Phosphat) bewährt. Das dünne, gleichmässige Streuen schafft einen normalen Futterreiz, der die Schnecken zum Fressen des Schneckenkorns reizt. Zu viel an einer Stelle lässt sie wandern, und sie wissen angesichts des Überangebots, nicht mehr wo zubeissen. Den kleinen, hellen und dunklen Nacktschnecken kommt man nur schlecht bei. Einsammeln unter Brettern erfasst nur einen kleinen Teil. Hier ist biologischer Pflanzenschutz zu üben, indem man den Nematoden Phasmarhabditis hermaphrodita wirken lässt. Die Methode ist nicht billig, aber bei richtiger Anwendung hochwirksam und hält einige Jahre vor.

Schnecken einzusammeln und irgendwohin an den Waldrand zu deportieren, ist keine Lösung. Wohl scheinen die Probleme des eigenen Gartens abzunehmen, nur auf Kosten des Schneckenökosystems am Waldrand. Stellen Sie sich vor, in Ihrem Quartier würden, weil die Gefängnisse überfüllt sind, drei Busladungen Schwerkriminelle «ausgesetzt», und es bliebe allein der ökologischen Toleranz Ihres Quartiers überlassen, damit zurechtzukommen. Für Waldrandschnecken gibt es auch keine Polizei.

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Mäuse – Mit Windrädchen vertreiben
Die Idee, den Garten mit bunten Windrädchen zu schmücken, ist nicht neu. Die Idee, Mäuse und Maulwürfe mit Vibrationen zu vertreiben, ist den batteriegefüllten, militärgrünen Bodensonden abgeschaut, die es überall zu kaufen gibt. Ein Windrädchen vibriert, wenn innen eine Murmel, eine Schelle oder Holzkugel mitläuft. Das Windrädchen läuft auf einer Achse aus Draht. Wird der Draht satt an eine Eisenstange gebunden, übertragen sich die Vibrationen über diese in den Boden. Spürbar. Bei allen Vertreibungstechniken ist wichtig, dass sie nicht immer gleich und auch nicht regelmässig wiederkehrend in Gang kommen. Vom unsteten Wind getriebene Windrädchen geben Mäusen keine Gelegenheit zur Gewöhnung.
Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für eine Mäuseabwehr mit Windrädchen finden Sie unter: www.bioterra.ch/windraeder.

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Tiere im Garten – Eine Burg für Eidechsen
Eidechsen brauchen im Garten Unterschlupf mit Ritzen, so tief, dass keine Katzenpfote auf den sicheren Grund reicht. Auch Bussards Schnabel und Fänge bleiben draussen. Für Wechselwarme erhöht ein sonnenwarmer Stein die Lebensqualität. Sind Sonnenplatz und Unterschlupf eines, ist’s ideal. Erst war es ein Stapel alter Dachziegel, die als variable Trittsteine in den Beeten dienten. Nach ein wenig Baukastenspiel und bekrönt mit geborstener Kunst, echter, war es die Eidechsenburg Drachenfels. Fällt sie mal um, wird neu gebaut. Ein Eidechsenunterschlupf kann aus allen möglichen Materialien gebaut werden. Schutt sieht oft sehr nach Krieg aus und allzu eifriger Materialmix führt optisch zur wilden Müllhalde.

Phänologie – Die Kirschblüte im Vollfrühling
Vor dem Vollfrühling, der dritten phänologischen Jahreszeit, steht die Kirschblüte. Sie ist so schön und beeindruckend, dass ihr Eintreffen sicher öfters im Kalender notiert wird, als etwa die Apfelblüte. Hier zeigt sich die lange Tradition der Phänologie: In Japan ist der Beginn der Kirschblüte seit dem Jahr 705 lückenlos dokumentiert. Der Vollfrühling zieht mit etwa 40 km/d von Spanien nach Nordeuropa. Gibt er in warmen Perioden Gas, kommt er in 2 bis 3 Tagen leicht 1000 km (300 bis 500 km/d) weit. Er duftet nach Frühlingsblühern, Traubenkirschen, Maiglöckchen, Rosskastanien und Flieder. In der Apfelblüte ist am besten Rasen säen. Nach der Blattentfaltung der Esche sind kaum noch Nachtfröste zu erwarten.

 

Gemüsegarten
Empfehlungen für den April

Mairübe ‘Purple Top Milan’
Rasch wachsende, rotschultrige Flachrunde. Fleisch fein, weiss, würzig und leicht scharf.
Saat: März bis Mai, August, *30 x 15 cm
www.sativa-rheinau.ch

Spitzkohl ‘Filderkraut’
Zuckerreicher Spitzkohl für Sauerkraut
Freilandsaat: April, *80 x 60 cm, Ernte: Oktober
www.sativa-rheinau.ch

Campanula rapunculus
Rapunzel-glockenblume
Kraut und Rübchen werden im 1. Jahr roh oder gekocht gegessen, Blüte im 2. Jahr, Saat: April,
*20 x 5 cm, Radieschen als Markiersaat, sehr lange Keimzeit, www.prospecierara.ch

Chenopodium virgatum 
Erdbeerspinat
Erst Spinat, dann Erdbeerchen, Saat: April,
 

Schaftzwiebeln ‘Roter Schaft’
Roh oder kurz gebraten vom Grill, Saat: März bis Juni, je 10 Samen in ein Multitopfplattenabteil, als Bund auspflanzen, *30 x 15 cm
www.zollinger-samen.ch

‘Lippische Palme’
Ziegenkohl, bis 2 m hoch, Pflanze und als Blütenstand im 2. Jahr sehr dekorativ. Sprosse aus Blattachseln als Gemüse. Saat: April, *50 x 50 cm
www.dreschflegel-saatgut.de

*Masse: Reihenabstand und Abstand in der Reihe.

 

 

© Fotos: Beka Bitterli