Wie langweilig wäre ein Garten, in dem es nichts mehr zu planen gäbe?

schindgarten_sept_bekabitterlifotografie_194.jpgIn unserer neuen Serie berichtet Jochen Elbs-Glatz von seinen Abenteuern im Biogarten. Der erste Teil ist den Anfängen des seit 15 Jahren gepachteten Gartens gewidmet. 

Träumen und Planen sind im Garten nicht zu trennen. Der Garten ist ein romantisches Ideal, man erträumt es sich und strebt danach, erreicht es aber nie, weil Wetter, Bodenverhältnisse, Schädlinge und Krankheiten oder die Schrebergartenobrigkeit dies verwehren. Gut so. Wie langweilig wäre ein Garten, in dem es nichts mehr zu planen gäbe?

Als wir vor 15 Jahren die Parzelle 8 im Schindgarten in Frauenfeld pachteten, gab es einiges zu planen. Unsere Träume vom leicht zu pflegenden Feierabendgärtlein mussten noch weiter geträumt werden.

Der Garten ist ein 35 x 8 Meter messender Streifen, begrenzt durch 2 Rasenwege, den Murgkanal und die Murg selbst. Eine Insel! Aber nicht die Insel der Glückseligen. Unsere Vorpächter hinterliessen uns einen durchgehenden Hahnenfussrasen, einen sehr alten Weinstock, einen arg verschnittenen Hasel und eine gewaltige, von Brennnesseln überwucherte Wundertüte namens Kompost. Der Werkzeugschopf ist immer noch dicht und die seltsamen, gefüllten Narzissen, die angesichts der kleinsten Regenwolke den Boden küssen, dürfen weiter an früher erinnern.

Planerische Vorgaben bekamen wir vom Familiengärtnerverein, von unseren Nachbarn und natürlich unseren eigenen Vorstellungen. Mit der Höhenbegrenzung auf 3 Meter starb mein Traum von der Hopfenlaube. Die «gärtnerische Nutzung von zwei Dritteln der Gesamtfläche» verpflichtete uns, mehr Gemüse anzubauen, als wir es vorgehabt hatten. Aus der Traum, es mit einer robinsonschen Blumenwiese langsam angehen zu lassen. 

Eines Abends erschien Ernst, der Serbe, mit zwei Flaschen Bier in der Linken, hieb mir seine schneeschaufelgrosse Rechte auf den Rücken und stellte die Frage: «Jungge, wann bausch Duu Baragge?» Beim Bier erklärte ich, dass ich die alte Hütte behalten und gärtnern wolle. Als Geduldeter musste ich seither nie mehr Verstand und Männlichkeit beweisen.

Unsere Ansprüche sind immer noch: schön und gut. Darin ist alles andere enthalten. Aus Angst, etwas falsch zu machen, zogen wir einen Gartenbauer hinzu. Seine wenig inspirierten Ideen, die gewaltigen Mengen Sandstein, die er ohne Rücksicht auf die Umgebung in unserem gepachteten Garten zu verbauen gedachte, und seine exorbitanten Honorarforderungen überzeugten uns, dass wir selber denken und unseren Garten gestalten können.

Da die Beete von beiden Seiten über die Rasenwege zu erreichen sind, blieb die Frage, wie sie einzuteilen wären. Ich jäte nicht gerne auf Knien. Viel bequemer gehts im Stehen mit Pendelhacke und Kultivator. Dazu braucht man aber lange Beete. Im Obstbau legt man die Baumreihen in Nord-Süd-Richtung an, damit jeder Baum möglichst viel Sonne erhält. Was für Obst gut ist, kann Gemüsen nicht schaden. So entstanden unsere «schrägen Beetli», die sich bestens bewähren. Der Garten verbreitert und verkürzt sich optisch, weil sich Beete und Bewuchs kulissenartig ineinanderschieben. Wo Schräge und Gerade aufeinanderstossen, bilden sich Dreiecke, die mit Stauden bepflanzt den Eindruck einer geschlossenen Rabatte entlang des Weges ergeben.

bioterra_schindgarten_bekabitterli56.jpgArbeitsintensiver Kompost

Kompost – das Gold des Biogartens. Es fragt sich, warum sich so wenig Gärtnerinnen und Gärtner darum kümmern. In unserem Areal betreiben 5 von 30 Gärtnern eine vernünftige Kompostwirtschaft. Unendlich viel kompostierbares Material wird entsorgt.

Kompost erfordert Arbeit und Aufmerksamkeit, vom Sammeln der Rüstabfälle über die richtige Mischung im Sammelbehälter, das gründliche Durchmischen, das stabile Aufsetzen der Miete bis zum Absieben und Ausbringen. Der Lohn ist ein nach Wald duftender, die Fruchtbarkeit des Gartens fördernder Kompost, von dem man genau weiss, woraus er entstanden ist. Der Stolz auf das Selbstgeschaffene ist berechtigt. 

Für unseren Kompost sammeln wir Küchenabfälle von 4 Personen. In die Sammelbehälter kommt eine Schicht gekauften Hanfhäcksels, der die manchmal entstehende Sauce aufsaugt. Dazu kommt alles Kompostierbare aus dem Garten. Alles, was da wächst, ausser mit Krautfäule Befallenes, samentragende Unkräuter und Wurzelunkräuter, die verjaucht werden.

Da wir noch nie Probleme mit Ratten hatten und uns auch noch nie ein Kompost ins anaerob Stinkende gekippt ist, nehmen wir es mit dem Verbotenen nicht besonders streng. Auch hier gilt, dass die Dosis das Gift mache. Aus Schweinehälften lässt sich kein Kompost herstellen, ein Kotelettknochen in einem Haufen Laub schadet aber sicher nicht. Wichtig ist, Fettes, Stickstoffreiches gleich mit Magerem, Feuchtes mit Trockenem zu mischen. Dazu sind gehäckseltes Stroh oder Hanfhäcksel bestens geeignet.

Im Garten zerkleinern wir alles Anfallende auf dem Hackstock in etwa handbreite Stücke. Weiches etwas breiter, Holziges etwas schmäler. Das beschleunigt die Kompostierung und verhindert Verfilzungen, die beim Umsetzen mit der Gabel lästig werden könnten.

Das durchmischte Häckselgut kommt in Kompostgitter, die mit doppelt liegendem Kompostvlies umhüllt und mit regendichten Blachen abgedeckt sind. Das Vlies halten alte Fahrradschläuche. Im Gitter erhitzt sich das Kompostmaterial oft schon ein erstes Mal. Beim Nachfüllen lockern wir es immer wieder mit einem Heuhaken auf. Hier wird gesammelt, bis die alte Miete abgesiebt ist und eine neue aufgeschichtet wird.

Das ist wegen der motivierenden Wirkung des vielen Gelbs am besten zur Narzissenblüte an die Hand zu nehmen. Meine Frau Yvonne siebt durch ein Durchwurfsieb der Maschenweite 1 cm ab. Was zu grob, zu wenig zersetzt übrigbleibt, dient als Kompoststarter in der neuen Miete. Ich muss den Kompost verteilen. 29 Garetten waren es letztes Jahr.

Für die neue Miete werden erst die Kompostgitter ganz entfernt. Nun wird mit Gabel und Kräuel alles gründlich durchmischt und zu einer Miete aufgesetzt. Mit verdünnter Brennnessel- oder Comfreyjauche durchfeuchtet, mit Kompostvlies abgedeckt, erhitzt sich die Miete auf 55 bis 70 °C und reift dem nächsten Frühling entgegen. 

 

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Neuer Garten – Planung erfordert Zeit

Gute Planung setzt gute Kenntnis der Bedürfnisse voraus. Gute Planung erfordert Zeit. Der schlimmste Feind guter Planung ist das Geschwind-fertig-sein-Wollen. Den Gemüsegarten plant man lustvoll mit Katalogen und Büchern, immer mit den Fragen: Was will ich? Wie viel will ich? Schwieriges, wie Mischkulturen, kann man übernehmen und anpassen. Um Neubauten sind die Böden meist schwer misshandelt, auch alten Böden schadet eine ganzjährige Gründüngung nie. Roggen schliesst den Boden tief auf und nimmt den Stress, bald etwas machen zu müssen. Je nach Bedürfnis können Wege und Plätze hineingemäht werden. So lernt man sein Grundstück gründlich kennen und weiss dann genau, was wohin muss.  

 

Kopfbäume – Auf den Astring zurückschneiden

Kappschnitte an zu gross gewordenen Bäumen und Gehölzen sind, wenn sie nicht weiter gepflegt werden, sehr gefährlich. Aus jedem Schnitt treiben mehrere Triebe aus und werden dem Ast, auf dem sie sitzen, zu schwer. Jedes Jahr auf den Astring zurück-
geschnitten, sind Kopfbäume sehr schön. Im Frühjahr ohne Triebe lassen sie viel Licht durchfliessen, im Sommer tragen sie grosse Kronen aus jungem, frischfarbigem Holz und im Herbst färben sie ihre Blätter intensiv. Nur blühen können sie nicht und grösser werden auch nicht mehr. Weiden, Pappeln, Holunder, Trompetenbäume, Perückenstrauch, Silber-Linde sind geeignete Arten. Paulownien wachsen bei jährlichem Rückschnitt interessante Riesenblätter. 

Phänologie – Naturprozesse im Jahresverlauf

Die erste der zehn phänologischen Jahreszeiten, der Vorfrühling, beginnt, wenn die Schneeglöckchen blühen. Für Galanthophile und Galanthomane ist jetzt Jagdsaison auf Schneeglöckchenmärkten in England und auf dem Kontinent. Weniger glücklich sind Pollenallergiker, die sich nach pollenfreiem Winter unter die Knute der Haselnussblüte zu beugen haben. Jetzt ist die beste Zeit, Obstbäume, Beerensträucher und – wo nötig – Ziergehölze zu schneiden. Bei einer Bodentemperatur von 6 °C beginnt der Huflattich zu blühen. Nun kann im Freiland gesät werden, wenn es genügend abgetrocknet ist: Puffbohnen, Spinat, Rüebli, Navettes, Rettich, Radieschen, Schwarzwurzeln und Schnittsalat. 

 

Gemüsegarten

Starten Sie im Februar mit den ersten Saaten. Meine Empfehlungen dazu:

Schnittsalat ‘Gelber Krauser’
Krause, zarte, hellgrüne Blätter, lange Ernteperiode, Saat Februar bis Mai und Juli bis Anfang August, *30 cm x 10 cm, www.dreschflegel-saatgut.de

Zur geschützten Anzucht ab Januar:

Chili ‘Rotes Teufele’
Feurig-scharfe Freilandchili, sehr robust, sehr viele, 3 bis 4 cm lange, aufrecht stehende rote Früchte, www.dreschflegel-saatgut.de

Puffbohnen ‘Dreifach Weisse’
Robuste, alte Sorte, weisse Blüten, weisser Nabel. Weder die grünen Körner der Frischernte noch die trockenen Weissen verfärben sich beim Kochen. Saat Februar bis April, *50 x 10 cm, Ernte Juni, www.dreschflegel-saatgut.de

Rettich ‘Ostergruss Rosa 2’

Der rosarote Bundrettich für den Freilandanbau. Der Pflanzabstand bestimmt die Grösse. Saat Februar bis Mai, *30 x 10 bis 20 cm, www.sativa-rheinau.ch

Erbsli ‘Sprinter von Marbach’
Ertragreich, süss, niedrig, 60 bis 80 cm, Saat Februar bis April, *40 x 3 cm, www.zollinger-samen.ch

Ideal zu den Erbsli:

Rüebli 'Pariser Herzchen’
(Pariser Markt’ Original) Früh, kugelig rund, süss, niemals beinig, Saat Februar bis Juni, *30 x 5 cm, www.zollinger-samen.ch

* Masse: Reihenabstand und Abstand in der Reihe selber.

 

Fotos: Beka Bitterli, Illustration: Anna-Lea Guarisco