Licht im Garten, Bild von Kosti Keistinen auf Pixabay

Licht zerstückelt die Natur

Die nächtliche Beleuchtung von Strassen, Garageneinfahrten oder Gartensitzplätzen richtet Chaos im Ökosystem an und tötet nicht selten Tiere. Es wird Zeit, dass mindestens im eigenen Garten die Dunkelheit zurückkehrt.

Von Atlant Bieri

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Uns Menschen ist die Schwärze der Nacht unsympathisch. In ihr lauert Gefahr; das sagt uns unser Instinkt. Dazu kommt, dass unsere Augen sehr schlecht an die Dunkelheit angepasst sind. Nach Sonnenuntergang im Garten eine Zeitung zu lesen, ist schwierig bis unmöglich. Unsere einfache, wenn auch brachiale Lösung: Wir fluten unsere Gartensitzplätze mit Licht. Das hat tiefgreifende Auswirkungen auf Tiere und Pflanzen. Denn für viele Arten bedeutet künstliches Licht Orientierungslosigkeit, ein Verlust des Zeitgefühls und in vielen Fällen sogar den Tod. Das als Lichtverschmutzung bekannte Problem betrifft heute weite Teile der Schweiz. Rund fünfzig Prozent der Landesfläche sind in der Nacht künstlichem Licht ausgesetzt und werden oft gar nie mehr richtig dunkel. In anderen europäischen Ländern ist dieser Wert ähnlich hoch.

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Feuerschale, Bild von congerdesign auf Pixabay
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Feuerschalen halten die Lichtstärke tief und bringen darum den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus von Fledermäusen, Faltern und Co. nicht durcheinander. Bild von congerdesign auf Pixabay

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Forschung holt nach

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Das Thema wurde in der Wissenschaft lange verschlafen. Inzwischen beschäftigen sich aber weltweit Dutzende von Forschenden damit. Dieses aufkeimende Interesse hat auch damit zu tun, dass sich ein grosser Teil des Lebens der Fauna nachts abspielt. «Man vermutet, dass die Hälfte aller Tiere nachtaktiv sind», sagt Eva Knop, Biologin an der Universität Zürich. Sie selbst widmet sich seit rund zehn Jahren der Lichtverschmutzung. Anders als wir Menschen sind nachtaktive Tiere extrem an die Dunkelheit angepasst. «Viele von ihnen besitzen hochsensitive Augen. Selbst das Licht einer Treppenbeleuchtung neben dem Hauseingang ist viel zu hell für sie», sagt Eva Knop. Hier liegt der Grund, warum die Strassenlaterne zum Killer wird. Das Licht führt zu einer Art Orientierungslosigkeit. «Nachtfalter etwa werden von der Lampe angezogen. Dann kreisen sie stundenlang um die Lichtquelle, bis sie erschöpft sind und sterben.»

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Verändertes Verhalten

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Besonders dramatisch ist es bei Eintagsfliegen. Sie schlüpfen in der Nacht, und wenn es in der Nähe eine künstliche Lichtquelle gibt, schwärmen alle darum herum. «Aber eigentlich sollten sie sich ja paaren und für den Erhalt ihrer Art sorgen», erklärt Eva Knop. Das Licht löst eine Verhaltensänderung aus, die den Drang zur Paarung überlagert. Das kann dazu führen, dass es in einem Gebiet plötzlich weniger Insekten gibt. So etwas kann im Ökosystem weite Kreise ziehen. Knop hat bei Untersuchungen auf nächtlich beleuchteten Wiesen herausgefunden, dass Nachtfalter helle Stellen meiden und dort viel weniger Blüten besuchen. «Wir haben gesehen, dass die Anzahl Bestäuber auf einer Wiese um 62 Prozent zurückgeht, wenn es eine Lichtquelle in der Nähe gibt. Das ist dramatisch.» Die Pflanze hat dadurch einen Nachteil, denn weniger Bestäubung bedeutet weniger Samenproduktion und damit weniger Überlebenschancen.

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Lichtquellen im Garten, Bild: mauritius images
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Selbst aufladende LED-Stecklampen oder Laternen mit einer solchen LED-Lichtquelle gehören nicht in einen tierfreundlichen Garten. Bild: mauritius images

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Fragmentierung der Landschaft

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Bei den Fledermäusen, die in vielen Gärten hausen oder zumindest dort jagen, ist die Sache zweischneidig. Manche, wie beispielsweise Zwergfledermäuse, profitieren von künstlichen Lichtquellen, weil der angezogene Insektenschwarm eine leichte Beute für sie ist. Darum gibt es in Städten so viele von ihnen. Doch viele Arten, wie beispielsweise Mausohr oder Braunes Langohr, meiden die Lampen trotz Leckerbissen. «Sie weichen dem Licht aus. Aber das kann sehr mühsam für sie werden, weil sie dadurch längere Flugwege haben, bis sie in ihrem Jagdrevier sind», so Eva Knop.

Für diese Fledermausarten ist eine beleuchtete Fläche tabu. Es ist Luftraum, der nicht für sie zur Verfügung steht. «Neben Überbauungen oder sonstigen Betonflächen bedeutet die Beleuchtung eine zusätzliche Fragmentierung und Schrumpfung ihres Lebensraumes.» Fledermäuse würden an sich gerne in der Nähe des Menschen wohnen. So etwa in Kirchtürmen, alten Scheunen, in hohlen Gartenbäumen oder in einem Fledermauskasten an der Hausfassade. Wenn diese Wohnstätten nachts jedoch bestrahlt werden, ziehen die Tiere schnell aus oder lassen sich erst gar nicht dort nieder. Künstliches Licht verändert nicht nur das Wo, sondern auch das Wann. Eva Knop: «Der Tag-Nacht-Zyklus ist neben der Temperatur einer der wichtigsten Zeitgeber der Natur. Er leitet sehr viele Prozesse ein, wie etwa das Keimen der Pflanzen im Frühling, das Öffnen und di Duftentwicklung bei Blüten oder das Austreiben der Blätter bei Bäumen. Wird der Tag künstlich verlängert, kommt alles durcheinander.» Bei Vögeln kann sich die morgendliche Futtersuche vorverschieben oder dauert bis in die Nacht hinein, wenn die Tiere eigentlich ruhen sollten. Es kann auch dazu führen, dass sie mitten in der Nacht zu singen beginnen. Wie sich das Dauerleuchten auf Pflanzen auswirkt, ist derzeit Gegenstand der Forschung. «Bei einzelnen Arten haben sich die Anzahl Blüten sowie der Blühzeitpunkt verändert, was zu weniger Blütenbesuchern und reduziertem Samensatz führt», so Eva Knop. Genauere Daten zur Auswirkung des erhöhten Lichteinflusses auf Nektarproduktion und das Öffnen und Schliessen der Blüten sollen nächstes Jahr vorliegen.

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Windlichter, Bild von Diego Ortiz auf Pixabay
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Windlichter mit Rechaudkerzen strahlen warmes Licht aus und sind deshalb für tierische Gartenbewohner weniger gut sichtbar. Bild von Diego Ortiz auf Pixabay

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Weniger Licht, mehr Natur

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Entgegenwirken lässt sich der Lichtverschmutzung im eigenen Garten mit einfachen Massnahmen (siehe Infobox). Zentral ist die Wahl der Leuchtmittel und der Farbtemperatur. So strahlen moderne LED-Lichter kühles Licht im Blau- und Violettbereich aus. Das ist das Spektrum, das von den meisten Artengruppen wahrgenommen werden kann. «Gelbes und oranges Licht sehen Fledermäuse oder Insekten nicht oder weniger stark. Darum stört es die Orientierung dieser Tiere nicht», so Lukas Schuler, Präsident des Vereins Dark Sky Switzerland, der sich für eine Reduktion der nächtlichen Beleuchtung in Städten und Dörfern einsetzt.

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Wenn Licht, dann so

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RICHTUNG – Licht nach oben oder in der Waagerechten sollte vermieden werden. Denn es strahlt in einen sehr grossen Raum. Am besten sind Lampen mit Lampenschirm, die das Licht kegelförmig nach unten auf den Boden leiten.

FARBTEMPERATUR – Jedes Leuchtmittel besitzt eine sogenannte Farbtemperatur (in Kelvin gemessen). Kühle Farben wie Blau ziehen fast alle Tiergruppen magisch an. Warme orange bis rote Farbtöne (ab 2200 Kelvin und tiefer) hingegen sind für sie weniger gut sichtbar. Darum im Garten nur Lampen mit warmem Licht verwenden. Oder Windlichter mit Kerzen.

STÄRKE – Je heller das Licht, desto grösser seine Reichweite und die Fläche, die bestrahlt wird. Darum gilt: Die Lichtstärke tief halten. Beispielsweise mit Feuerschalen, Kerzen oder einer dimmbaren Aussenbeleuchtung in warmen Farbtönen. Fackeln eignen sich zwar, allerdings sind sie während trockener Sommermonate wegen des erhöhten Brandrisikos nicht zu empfehlen.

DAUER – Die Beleuchtung nur so lange verwenden, wie sie gebraucht wird. Also nicht die ganze Nacht brennen lassen oder Bewegungsmelder installieren.

MENGE – Den Garten mit sich selbst aufladenden LED-Stecklampen zu erleuchten, ist tabu. Dasselbe gilt für mobile Laternen, die sich wie die Stecklampen tagsüber durch ein integriertes Solarpanel aufladen. Zurückhaltung gilt auch bei Zier- und Partybeleuchtung wie Lichterketten.

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Dieser Artikel wurde in der Juli/August-Ausgabe 2022 des Magazins «Bioterra» publiziert.

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